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Computerspiele, Smartphones, Internet,...

"Fit für die Welt von morgen" bedeutet für uns nicht, Kinder früh mit digitalen Medien zu konfrontieren, im Gegenteil. An unserer Schule haben Primaria-Kinder keine Smartphones!

Selbst das Ansehen von harmlosen Filmen ist für junge Kinder fragwürdig. Filme führen Naturgesetze ad absurdum, sie machen Zeitsprünge und Zeitraffungen, die nichts mit der Realität zu tun haben. Sie verdammen Kinder zu Passivität, während sie Aktivität entwickeln sollen. Kinder erleben, dass sie nicht eingreifen können und – gerade in sozial schwierigen oder aufregenden Situationen – keine Möglichkeit haben, etwas zu verändern oder sich einzubringen. In einer Zeit, in der sie sich für die reale Welt interessieren sollen, bringen Filme ihr Interesse davon weg. Kinder lernen, dass die spannendsten Dinge nicht im wirklichen Leben passieren, sondern am Bildschirm. Dass diese Dinge nicht real sind, erkennen sie nicht. Selbst Serien wie „Universum“ haben mit der Realität nichts zu tun. Meist ist ein Zeitablauf von einem Jahr auf 45 Minuten zusammengeschnitten und die – oft sehr reißerisch und mit dramatischer Musik unterlegten Szenen – sind weit weg von tatsächlichem Naturerlebnis. Vielen Eindrücke – wie Wind, Kälte, Gerüche, Bewegung – fallen weg, während andere – wie schnelle Abfolgen, Spannung, oft sinnlose Kommentare –dazu erfunden werden. Macht man Kindern glauben, „Universum“ sei Natur, dann wird die wahre Natur wohl schnell als langweilig und ungemütlich erlebt werden.

Noch sinnloser als Dokumentationen sind Zeichentrickfilme, die außer kurzfristiger Unterhaltung keine positive Auswirkung auf Kinder haben. Im Volksschulalter brauchen Kinder oft Tage und Wochen, um die überfordernden Inhalte herauszuspielen. Die viel zu schnellen Abfolgen lassen sie momentan erstarren, aber in der Folge unkonzentriert werden, oft sind sie wie unter Strom, können bei keiner Arbeit bleiben und sprechen immer wieder, meist schnell und zusammenhanglos, von irgendwelchen Filmszenen. Nach längerem Filmkonsum werden manche Kinder auch apathisch und warten darauf „unterhalten“ zu werden. Viele finden schnell alles andere als Filmschauen „fad“, weil das wirkliche Leben und die eigene Aktivität klarerweise schwer mit der Dichte von Filmen konkurrieren kann. Eigeninitiative, Interesse und Konzentrationsvermögen nehmen nach dem Konsum von aufregenden Filmen deutlich ab (Pädagogen erkennen montags meist problemlos, welche Kinder ihre Wochenenden zum Teil vor dem Fernseher verbracht haben).

Noch bedenklichere Auswirkungen als Filme haben Computerspiele. Hier muss der User so schnell wie möglich auf jeden kleinsten Impuls reagieren, was Kindern auf extrem sprunghafte Aufmerksamkeit trainiert. Das ist das Gegenteil von Konzentration und das Gegenteil von Lernen, denn für Lernen ist langanhaltende Aufmerksamkeit notwendig, die nicht auf jeden Fremd-Impuls reagiert. Computerspiele lernen einem Gehirn, nur dann aufmerksam zu sein, wenn es ständige Veränderung und ständig neue Auslöser gibt. Sie sind ein perfektes ADHS-Training. Hyperaktive Kinder können Stunden höchst konzentriert vor Computerspielen verbringen - nur vor nichts anderem mehr. Zusätzlich muss man sich die Frage stellen, wie interessant das „wirkliche Leben“, das die Elterngeneration bietet, für ein Kind sein kann, das in virtuellen Welten mit einer minimalen Bewegung des Fingers Armeen dirigiert und ganze Universen unterwirft.

Das Smartphone ist das ideale Werkzeug, alle aufgezählten Nachteile zu vereinen. Aber die unkontrollierte Rund-um-die-Uhr-Internet-Anbindung hat noch weitaus mehr erschreckende Seiten:

Untersuchungen haben gezeigt, dass schon zwei Drittel der Volksschüler in der Lage sind, Sicherheitseinstellungen, die ihre Eltern installieren, zu umgehen. Sie wissen ganz schnell, wie man Verläufe löscht und Filter austrickst. Hier funktioniert die „stille Post“ unter den Kindern hervorragend. Und nicht nur da. Kinder wissen binnen kürzester Zeit über besondere Sexualpraktiken Bescheid, sie schicken sich Links mit Videos von schwerster Gewaltanwendung weiter, die die Erwachsenen gar nicht zu Gesicht bekommen. Was geht in jemandem vor, der seinem Kind im Volksschulalter Pornos und Live-Hinrichtungen anbietet? Jeder, der ihm ein Smartphone in die Hand gibt, tut das! Aber selbst das ist noch nicht das Bedenklichste.

Mit einem Smartphone stehen Menschen unter dem Druck, 24 Stunden am Tag erreichbar zu sein. Dieser Druck macht vor den Kindern nicht halt. Irgendeine WhatsApp-, Facebook, Instagram- oder Snapchat-Gruppe ist immer aktiv. Kinder werden schnell mit einer unheimlichen Fülle von Nachrichten überschwemmt, die sie nicht ignorieren wollen. Eine Jugendliche hatte am Freitag ihr Handy in der Schule vergessen. Raten Sie ´mal, wie viele Nachrichten am Montag in der Früh drauf waren. 100? 500? Es waren 1.400! Die Kinder sind total überfordert mit dem, was sie sich gegenseitig antun. Mädchen sind eher gefährdet, in die sozialen Medien zu kippen, Buben in die Ego-shooter.

Was dann folgt, ist in jeder Familie das Gleiche, es gibt kaum Ausnahmen, die Auseinandersetzungen über Bedingungen und Dauer der Nutzung kommen fast unweigerlich. Selbst technikbegeisterte und "digital-affine" Eltern beginnen sich Fragen zu stellen, wenn ihr Kind die Nacht in Chatrooms verbringt. Dann beginnt der Kampf um das Wie-oft, Wie-lang, Welche-Inhalte. Eltern verschärfen Ermahnungen und Kontrollen, sprechen Verbote aus, vereinbaren Verträge, ziehen das Handy ein. Kinder finden immer kreativere Lösungen, um Einschränkungen zu umgehen. Die Konflikte nehmen zu, Eltern werden immer mehr als Gegner bei der Entdeckung der Welt und bei dem, was die Kinder als soziales Eingebunden-sein verstehen, wahrgenommen. Wie kann man diese Stimmung zu Hause wollen? Sie freiwillig herbeiführen?

Es soll nicht geleugnet werden, dass das Internet eine grandiose Errungenschaft ist, die Vieles ermöglicht hat, wovon wir vor zehn Jahren nur träumen konnten. Doch wie jedes Werkzeug braucht es Kompetenzen und Vorkenntnisse, um sinnvoll damit umgehen zu können. Sonst passiert damit nicht nur Konstruktives. Es beginnt bei Kleinigkeiten, doch diese Kleinigkeiten werden bald langweilig und von aufregenderen Dingen abgelöst. Kinder schießen Fotos voneinander, verändern sie, machen Montagen und verschicken sie. Was einmal im Netz ist, ist nicht mehr aufzuhalten. Die Kinder greifen auf Internet-Portale, zu, in denen perverse Schönheitsideale propagiert werden - und wo vor allem Mädchen grausam beurteilt werden. Ihr Aussehen wird bewertet und heruntergemacht, egal, wie dünn sie sind, werden sie als „Speckschwarte“, „fette Sau“ und ähnliches bezeichnet. Es gibt regelrechte Anleitungen zu krankhaftem Essverhalten. Generell ist die verwendete Sprache oft stark verroht – Anreden wie Bitch, Fotze, Mongo, Spast,… gehören in den Whatsapp-Gruppen Jugendlicher fast zum „guten Ton“. Es gibt kein "Ich bin da anderer Meinung" sondern nur mehr ein "Fresse, Wichser!"

Stellt man Kindern Räume zur Verfügung, in denen sie ohne jedes Korrektiv ihre Impulse ungehemmt ausleben können, ist die Gefahr, dass Situationen eskalieren, immens. Anonyme Fremde manipulieren ohne Bedenken. Wenn sich Kinder unter die Macht von „Social communities“ begeben, verlieren Eltern einen großen Teil des Einflusses, den sie auf ihre Kinder haben. Die sogenannten „Freunde“ sind stärker und cooler, vor allem, wenn sie zu Hunderten eine Meinung vertreten. Die Kinder sind ständig angehalten, sich zu präsentieren, originell und besonders zu sein, aber das Feedback, das sie bekommen, besteht nur aus Schwarz oder Weiß, aus "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht". Eine Jugendliche formuliert: "Das Internet schreit "Sei du selbst!" drillt aber zur totalen Anpassung."

Wer einem gesunden Kind ein Smartphone gibt, kann davon ausgehen, dass das Kind es nutzen wird - mit all seinen Möglichkeiten. Kinder sind neugierig, es ist ihnen angeboren, sich die Welt zu eigen machen zu wollen. Kinder wollen alles über die Gesellschaft erfahren und sie werden jedes Werkzeug, das ihnen dies scheinbar ermöglicht, ausreizen. Das ist eine wunderbare Eigenschaft und das, was den Menschen so lernfähig macht. Aber ist es wirklich diese Seite der Welt, die unsere Kinder schon im Kindesalter prägen soll? Das Internet ist ein quasi rechtsfreier Raum. Was möglich ist, wird gemacht, unsere Gesetze können wenig daran ändern.

Von Schulen wird gern verlangt, dass sie den Kindern „Medienkompetenz“ beibringen sollen, das Unterrichtsfach „Mediennutzung" wird gefordert. Aber was da erwartet wird, ist unmöglich, wenn man Kinder gleichzeitig dem aussetzt, was sich da abspielt. Eine Vielzahl der Inhalte im Internet ist (Schlagwort Echokammer, personalisierte Werbung,...) darauf zugeschnitten, kritisches Denken abzuerziehen. Schulen können Kinder so begleiten, dass sie später in der Lage sein werden, sich kompetent im Internet zurecht zu finden, aber jedes Werkzeug verlangt nach einer angemessenen „Vorlaufzeit". Bei Kreissägen ist uns das klar - wieso beim Internet nicht? Die Verletzungsgefahr ist hier zwar nicht ganz so offensichtlich aber nichtsdestotrotz immens. Selbst WhatsApp schreibt in seinen Nutzungsbedingungen vor, dass die Nutzer mindestens 13 Jahre alt sein müssen, in einigen Ländern Europas sind es 16 Jahre.

Unsere Aufgabe als Eltern und PädagogInnen ist im Pflichtschulalter nicht, Kinder Internet-tauglich zu machen, sondern, unsere Kinder davor zu schützen. 12-, 13- oder 14-jährige sind nicht in der Lage, mit dem, was da passiert (zumindest ganz leicht passieren kann) umzugehen. Sie haben die Reife und das Urteilsvermögen noch nicht, gerade Pubertierende sind von Peergroups leicht zu beeinflussen. Es wird sicher ein paar geben, die keine schlechten Erfahrungen machen, die nicht mobben oder gemobbt werden, die sich von den herrschenden Schönheitsidealen nicht beeinflussen lassen, die abdrehen, wenn sie müde sind und die sich nicht über die Anzahl der hochgestreckten Daumen definieren. Es wird vermutlich sogar ein paar geben, die sich nicht auf Seiten herumtreiben, die nicht für sie gemacht sind, die sich an Einschränkungen und Alterslimits halten, und die ihren Eltern alles erzählen. Aber seien wir ehrlich - viele sind das nicht.

Niemand leugnet die großartigen Seiten des Internets. Weltweit kommunizieren zu können und Zugriff auf sämtliche Informationen und Meinungen dieser Welt zu haben, ist eine fantastische Errungenschaft. Aber unsere Jugendlichen sind nicht deshalb so abhängig von ihren Smartphones, weil sie unablässig auf der Suche nach wichtigen Fachinformationen und divergierenden Lehrmeinungen sind und jede freie Minute für Weiterbildung nutzen wollen!

Auch Autos sind großartige Werkzeuge und Teil unseres Lebens. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, Volksschulkinder hinters Steuer zu setzen. Niemand glaubt, dass man Menschen zu verantwortungsvollen Verkehrsteilnehmern macht, indem man sie möglichst frühzeitig fahren lässt. Beim Internet ist es das Gleiche: Ein großartiges Werkzeug, bei dem man ein gewisses Alter und eine gewisse Reife braucht, um es sinnvoll anwenden zu können. Wieso glauben Eltern, sie könnten ihren Kindern das Internet nicht vorenthalten, weil es Teil unseres Lebens ist, während sie das beim Auto sehr wohl können? Vermutlich ist Autofahren einfacher als sinnvolle Mediennutzung.

Kinder versäumen nichts, wenn sie erst mit 15 Jahren Internet-Zugang bekommen. Sie verpassen nichts! Wir haben es schon oft erlebt: Gibt man einem 15jährigen, der noch nie im Internet war, ein Smartphone in die Hand, hat er binnen weniger Stunden heraus, wie jedes Detail funktioniert. Jeder Analphabet kann es und angeblich lernen sogar Menschenaffen ganz schnell, Tablets zu nutzen.

Bei Weitem schwieriger als die Bedienung von Apps und Social-media-tools ist natürlich das Erlernen von logischem Denken. Aber das erlernt man nicht durch frühes Surfen oder durch das Ansehen von You-tube-Videos oder durch das tausendfache Verschicken sinnloser Kurznachrichten. Man lernt es durch das Begreifen von Abläufen, durch wirkliches Verständnis für Prozesse, durch das Durchschauen von Strukturen. Wir haben unter unseren AbsolventInnen Mathematik-Studentinnen und Internet-Profis. Auch unter uns Erwachsenen gibt es viele, die kompetent mit Computern umgehen können. Und das nicht deshalb, weil wir schon als Kinder Handy-Erfahrung hatten! Programmieren erfordert ganz andere Kompetenzen als man als User von Apps erlernt.

Kritisches Denken erlernt man durch Auseinandersetzung mit richtigen Menschen, durch das Bearbeiten von Konflikten, durch das Anhören unterschiedlicher Positionen und das Hinterfragen von Dilemmata. Kindern lernen zu hinterfragen, wenn ihre Meinungen ernst genommen werden, wenn sie ihre Sichtweisen artikulieren dürfen, und wenn sie versuchen müssen, Gleichgewicht in den Bedürfnissen von Gruppenmitgliedern herzustellen. Das braucht Zeit. Wenn sie das können, dann lernen sie die paar Klicks und Daumenwische in kürzester Zeit.

Digitale Geräte in einer Schule sind vor allem eines - enorme Ablenker. Multitasking funktioniert nur bedingt: Wer ständig Nachrichten empfängt, kann nicht "nebenbei" lernen. Wer auf einem Bildschirm permanent Werbungen eingeblendet bekommt (die zu nichts anderem konzipiert sind als Aufmerksamkeit zu binden), kann sich nicht in ein Thema vertiefen.

Kinder brauchen, so lange sie in unserer Schule sind, kein Smartphone! Unsere Primaria (Kinder bis etwa 11) haben wir zum Glück komplett Smartphone-frei. Bei den Älteren (ab 12) arbeiten wir dran.

Wer Tabletklassen für Schuleinsteiger befürwortet, glaubt, dass durch Multimedia-Konsum "smarter" gelernt wird oder der Überzeugung ist, dass Kinder Medienkompetenz durch frühen Zugang zum Internet entwickeln, ist gut beraten, sich nach anderen Schulkonzepten umzusehen.

Hier ein kurzer Zeitungsartikel von Manfred Spitzer: "Digitale Erzieher"

Darüber hinaus gehender Literaturhinweis: Manfred Spitzer, “Digitale Demenz”

 

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